Reise nach New York und Kolumbien vom 3. August - 6. September 2012

Freitag, 17. August 2012

Leticia (13.-16.8.)

Nach Aufstehen, Frühstück und Ende des Regenschauers renne ich erst einmal in Richtung Goldmuseum, um unsere Auftragsarbeiten (die Botero-Bilder auf Leinwand) wie ausgemacht um Punkt neun abzuholen. Aber um punkt neun ist ausser dem Wachmann noch niemand da. Damit hatte ich ja fast gerechnet, aber als guter Deutscher wollte wenigstens ich pünktlich sein... dafür unterhalte ich mich gut mit dem Wachmann und als ich mich nach 20 Minuten Warten doch entscheide, die Handynummer auf der Visitenkarte von einem Callshop aus anzurufen, erfahre ich, dass meine "Kontaktperson" bereits am Stand angekommen sei. Also wieder zurück, den Deal abschliessen und dann zurück ins Hotel. wo wir die Sachen verstauen, bereits gekaufte Souvenirs deponieren und dann in das in der Zwischenzeit gerufene Taxi steigen. Die Fahrt zum Flughafen dauert knapp 30 Minuten und auch das Einchecken geht ohne Probleme (Online Check-In ist schon eine feine Sache!). Im Flughafen stärken wir uns bei Dunkin´ Donuts und mit ca. 30 Minuten Verspätung starten wir vom Hochland in Richtung Amazonastiefland. Der Flug ist wie meistens - soll heissen ohne besondere Vorkommnisse und ohne Komfort. Immerhin ein Getränk, Nüsse und einen Karamell-Kokos-Keks gibt es. Immer öfter reisst die Wolkendecke auf und es öffnet sich der Blick auf unendliche Wälder und silbrig glänzende Flüsse. Kurz vor 16 Uhr landen wir im wie erhofft-erwarteten schwül-heissen und sonnigen Leticia. Da der Flughafen sehr überschaubar ist (für Kenner: eher etwas kleiner als Augsburg – Mühlhausen, aber dafür bunter), geht alles schnell vonstatten und ein paar Minuten Taxifahrt später sind wir schon am Hotel, dem wirklich sehr hübschen und freundlichen Amazon Bed & Breakfast.



Unsere geschmackvoll gestaltete Cabaña (= Bungalow) ist sehr gemütlich und geräumig und liegt in einem hübschen Garten in einer ruhigen und trotzdem zentralen Nebenstraße der kleinen Hauptstadt des riesigen, menschenleeren Departamento Amazonas. Nachdem wir uns sommerlich umgezogen haben, lassen wir uns über Ausflüge für den nächsten Tag informieren und entscheiden uns dann für eine Bootsfahrt auf dem König der Flüsse, dem Amazonas.




Alejandra, die wirklich liebenswerte Chefin des Amazon Bed & Breakfast, empfiehlt uns zuerst zum zentralen Platz zu gehen, wo in der kurzen Dämmerung abertausende von kleinen Papageien einfallen und die Baumkronen besetzen. Ohrenbetäubendes Geschrei macht jede Unterhaltung nahezu unmöglich. Ein irres Schauspiel und kaum zu glauben, dass es bei den riskanten Flugmanövern und den vielen Vögeln keine Unfälle zu beobachten gibt.



Nachdem es dunkel und der Luftraum deutlich ruhiger geworden ist, brechen wir auf, verlassen den ganz deutlich nach Vogel riechenden Platz und suchen ein von Alejandra und diversen Reiseführern empfohlenes Restaurant mit typischen Gerichten aus der Region. Das ist gar nicht so einfach wie man es in einer an sich sehr überschaubaren Kleinstadt erwarten könnte, denn zum einen haben wir zwar einen groben Stadtplan, aber die Straßen leider keine Straßenschilder, und zum anderen gleicht das Überqueren der Straßen einem Spießrutenlauf, auf dem unzähligen Motorrollern und Motorrädern ausgewichen werden muss. Das Ganze erinnert ein bißchen an Computerspiele der ersten Generationen… Mein Vater ist allerdings begeistert, wie leise die Roller sind – kein Vergleich zu deutschen Knatterkisten (wobei das das Überqueren der Straße nicht gerade sicherer macht…). Wir fragen mehrere Soldaten, die überall in der Stadt patroullieren, wo denn das Restaurant „Tierras Amazonicas“ zu finden wäre und bekommen immer sehr freundlich und höflich die richtige Antwort, so dass wir wirklich bald vor dem geschlossenen Restaurant stehen – denn Montag ist Ruhetag! Also suchen wir auf die Schnelle und in der Nähe eine Alternative. Und werden natürlich fündig. Mom und Dad bestellen Fleisch vom Grill und ich einen Fisch aus dem Amazonas mit Namen Pirarucú. Meine Eltern sind nicht ganz glücklich, denn das Fleisch ist recht zäh. Mein Fisch ist dafür sehr lecker und 100% grätenfrei. Den Weg zurück finden wir trotz der Dunkelheit ziemlich gut, auch wenn wir selbst nicht immer überzeugt sind, richtig zu gehen. Zurück im Hotel machen wir es uns dann gemütlich und schauen unsere Fotos auf dem großen Fernseher mit SD-Kartenslot an. Zwischendurch gehe ich in den Garten und bewundere den klaren Sternenhimmel.


Der nächste Morgen beginnt mal wieder relativ früh, da wir bereits gegen 8:00 zu unserem Ausflug aufbrechen werden. Das Frühstück im Garten ist sehr lecker – frischer Obstsalat, frischer Obstsaft aus einer mir vollkommen unbekannten Frucht aus dem Amazonasgebiet, Rührei mit Schinken und Käse und das uns schon bekannte süße Brot. Dazu Marmelade, Butter und Käse. Und Kaffee natürlich auch.


Kurz vor 8 ist der Guide da und holt uns ab. Also rein ins Taxi und los zum Hafen. Wobei Hafen vielleicht falsche Vorstellungen weckt. Es handelt sich um einen Pier, von dem man über schmale Planken, Holzpaletten und andere improvisierte Pfade durch den Schlick des Amazonas bis zum Boot balanciert (Gegenverkehr gibt es natürlich auch). Ganz sauber bleibt man dabei selbstredend nicht. Doch schließlich erreichen wir die kleine Nußschale, die uns zum größeren Ausflugsboot bringt. Wir können nicht direkt mit dem großen Boot fahren, weil Trockenzeit ist und der Fluss zu wenig Wasser führt. Also heißt es umsteigen – etwas, das meine Mutter fürchtet, weil es schlechte Erinnerungen an Kambodscha vor 6 Jahren weckt. Aber es funktioniert alles bestens und bald sitzen wir dann im richtigen Boot – wie es sich gehört mit Schwimmweste. Das Boot nimmt schnell Fahrt auf und bald steuern wir den Stopp an, wo die größte Blume der Welt auf uns wartet – die Seerose Victoria Regia mit ihren großen Blättern. Unser Guide erklärt uns, dass es eine Legende sei, dass die Blätter 45 Kilo oder mehr tragen könnten. Mehr als 5 Kilo hält auch das größte Blatt nicht aus. Auf dem Weg zurück zum Boot haben wir dann noch einen Fototermin mit zwei wartenden Aras. Einer zwickt mir doch glatt ins Ohr, während er sich bei meinem Vater deutlich mehr für die Knöpfe des Hemds interessiert.



Victoria Regia mit weiblicher Blüte - die männlichen sind rosa und blühen nur eine Nacht





Wieder zurück an Bord rasen wir den immer breiter werdenden Fluss entlang in Richtung Puerto Alegría, einem winzigen und sehr einfachen Dorf flussaufwärts auf der peruanischen Seite. Dort angekommen (nachdem wir die steile Uferböschung erklommen haben) warten die Frauen und Kinder des Dorfes mit ihren „Haus“tieren – die allerdings nicht gefangen genommen wurden, sondern entweder verletzt oder nach der Jagd verwaist waren. Wir dürfen fast alles mal streicheln oder auf den Arm nehmen, was der Regenwald so zu bieten hat:  zwei junge Faultiere, einen Tukan, einen Kaiman, Schildkröten… dass für das großzügige Überlassen der Haustiere ein ebenso großzügiges Trinkgeld erwartet wird, versteht sich von selbst. 


Wer es wissen möchte: Kaimanexkremente sind dickflüssig-weiß und stinken nach Fisch...woher ich das weiß? Wird nicht verraten ;-)


Das ärmliche Nest Puerto Alegría - von Fröhlichkeit ist allerdings nur wenig zu spüren!

Der Fluss erreicht auf der weiteren Fahrt seine für diese Region maximale Breite von über 3 Kilometern. Die Weite ist beeindruckend. Die Wolken hängen tief, lassen aber die Sonne immer wieder durch – und so bleiben die Temperaturen im sehr erträglichen Rahmen (ich finde es mit dem Fahrtwind sogar eher kühl). Wieder auf der kolumbianischen Seite erwartet uns der nächste Programmpunkt – ein Besuch in Macedonia, einem Dorf der Ticuna-Indianer. Ich finde solche „Besuche“ eher peinlich und unangenehm, aber sie sind bei derartigen touristischen Exkursionen leider ebenso unvermeidlich wie Besuche beim Teppichknüpfer auf einer Türkei-Rundreise. Wir werden von traditionell gekleideten Frauen und Kindern in einer Maloka, einem mit Palmdach gedeckten Versammlungshaus, empfangen, wo sie alsbald mit dem Willkommenstanz beginnen. Es ist natürlich klar, dass wir Besucher mittanzen "dürfen", und weil wir so wenige sind, komme ich nicht davon. Ich kann nur sagen, der Brautwalzer meines Bruders dauerte weniger lang - und er musste keine traditionelle Federkrone tragen... Mann, komme ich mir bescheuert vor...! Zum Schluss werden uns mit der aus einer Frucht gewonnenen Farbe zwei breite Streifen auf den Handrücken gemalt, die uns die nächsten 8 - 12 Tage begleiten werden. Das Zeug geht nicht ab, nicht mal mit Autan! Irgendwann ist die Tortur vorbei und wir bekommen noch reichlich Zeit, uns die Stände mit dem im Ort fabrizierten Kunsthandwerk anzusehen. Und dann geht es wieder zurück auf´s Boot.










Wir düsen weiter bis zum Lago Tarapoto, einer hübschen Lagune beim Städtchen Puerto Nariño, wo sich in der Regenzeit Flussdelphine aufhalten. Jetzt in der Trockenzeit ist den Fischen, die die Nahrung der Säuger bilden, einfach zu warm im seichten Wasser. Und so gibt es hier auch keine Delphine. Nach einer langsamen Runde fahren wir dann in den zweitgrößten Ort im Departamento Amazonas (immerhin größer als die ehemalige DDR). Das Dorf entpuppt sich als wirklich hübscher, gepflegter und ruhiger Ort, in dem Autos und Roller verboten sind. Wir spazieren die schattigen Wege entlang, vorbei an bunten Gärten. Schließlich erreichen wir ein hübsches Restaurant, in dem das Mittagsbuffet bereits auf uns wartet: leckerer Fisch aus Flüssen und Lagunen, Suppen und alle möglichen verschiedenen Dinge. Es schmeckt wirklich sehr gut. Und damit ist das Thema Essen für heute auch erledigt ;-). 














Als wir dann losfahren, kündigen Regentropfen ein nahendes Gewitter an. Wir düsen los, denn bis zur nächsten Station sind es bald 80 Kilometer wieder flussabwärts Richtung Leticia. Kurzzeitig wird der Regen stärker, aber das vergeht schnell und wir erreichen die Affeninsel "Isla de los Micos" im Trockenen. Nach einer kurzen Instruktion, wie man die kleinen Totenkopfäffchen zu füttern hat, stürmen plötzlich von allen Seiten die Äffchen "wie vom wilden Affen gebissen" auf uns zu und sind bald überall. Rotzfrech, aber unglaublich putzig. Es ist erstaunlich, wie leicht sich so ein Affe anfühlt - sie landen wie eine Feder und haben ganz weiche Pfoten. Nichts ist vor ihnen sicher - neugierig betrachten sie die Monitore von Fotoapparaten und Videokameras - oder auch den dunklen Tunnel, den ein abstehendes Hosenbein bildet. Bei allem Übermut ist kein Äffchen grob oder gar aggressiv, und meine Brille übersteht diesen Affenbesuch auch (nicht wie damals 2007 auf Bali, als mir ein Affe die Brille entrissen und zerstört hat). Am Liebsten würde ich mir gleich ein, zwei Äffchen in den Rucksack stecken. Fällt sicher nicht auf, so viele wie es hier gibt. Und Pippi Langstrumpf hatte ja auch ihren Herr Nilsson!














Aber wir fahren dann doch ohne Affen nach Hause. Am "Umsteigepier" sehen wir einen stimmungsvollen Sonnenuntergang und nach erneutem Umsteigen und Balancieren auf rutschig-schlammigen Planken erreichen wir unser Taxi und bald darauf dreckig aber zufrieden unser Domizil. Ich hole noch ein paar Bier für uns und dann, nach der großen Säuberungsaktion, organisiere ich uns für morgen einen längeren Dschungelspaziergang mit Guide und dann schauen wir uns die Bilder auf dem großen Fernseher an.


Zu dritt ist das noch okay, denke ich (ist ja auch nicht zu stark) :-)

Heute können wir ein wenig länger schlafen und das ist auch gut so! Nach dem wieder tollen Frühstück in der Sonne kommt schon bald das Taxi und wir fahren fast so weit wie man hier im Amazonas fahren kann, 22,5 Kilometer bis zu einem privaten Naturreserverat. Carlos, unser Guide, wartet schon auf uns und dann geht es los zur Urwaldwanderung. Carlos zeigt uns so einiges, von der Tarantel über Frösche aller möglichen Größen bis hin zu den verschiedensten Pflanzen. Ohne geschultes Auge sieht man den Wald nämlich vor lauter Bäumen nicht. Die zwei Stunden vergehen wie im Fluge und ich hätte es noch länger ausgehalten, aber das Programm ist zuende und so fahren wir wieder heim und gönnen uns ausnahmsweise eine ausgedehnte Siesta. 






Winziger Pfeilgiftfrosch - von mir entdeckt!

Hier ist ein Tier versteckt...
Ein für die (männlichen) Indios wichtiger Baum - der Penisbaum. Einfach Wunschgröße und -form abschneiden und über Nacht zwischen die Beine. Soll Wunder wirken..


Eigentlich wollten wir ja in den Ort, aber als ich nur kurz ins Internetcafé gehe, um unsere Bordkarten für morgen auszudrucken, fängt es plötzlich aus heiterem Himmel an zu kübeln - und das dauert gut 2 Stunden (mit trügerischen Unterbrechungen). Und so schlafen meine Eltern ein wenig, während ich die Fotosausbeute sichte.

wohlverdiente Siesta
Bevor es Abend wird brechen wir aber dann doch auf und strawanzen durch Leticia. Der Ort hat ein ganz eigenes Flair - sicher keine Schönheit, aber dafür eine richtige frontier town. Und das ist Leticia ja auch in zweierlei Hinsicht: zum einen liegt sie an der Grenze zu Brasilien und direkt gegenüber ist Peru und zum anderen ist die Stadt nur auf dem Fluss oder aus der Luft erreichbar. Straßen gibt es keine. Man fühlt sich in vielem Manaus näher als Bogotá (ist es geographisch ja auch). Somit ist Leticia wirklich eine urbane Insel inmitten eines Meers aus Bäumen, die nächste Landstraße liegt gut 800 Kilometer entfernt.







Unser Spaziergang endet am diesmal offenen Restaurant Tierras Amazónicas und das Essen ist wirklich lecker: ich genieße Pirurucú in einer dicken Kokossauce, ebenso meine Mutter und mein Vater zieht Fleisch vor, ist aber auch sehr zufrieden. Zum Abschluss gönne ich mir eine Caipirinha de Maracuyá. Wirklich ein gelungener Abend! Zurück unterhalte ich mich lange mit Alejandra und erfahre viel über ihr Leben und ihr Projekt, das Amazon Bed & Breakfast. Sicher eine Frau mit Visionen. Irgendwann (nach einem weiteren Bier) werde ich doch müde und beende den Abend.




Die Nacht schlafe ich schlecht. Ich friere mehr als sonst, denn es ist windig, der Wind zieht durch das Fliegengitter (Glasfenster sind hier unnötig) und schlägt mir die Vorhänge immer gegen den Kopf. Am Morgen ist es bewölkt und es regnet immer wieder. Irgendwann hört es auf und dann spazieren wir los zur brasilianischen Schwesterstadt Tabatinga. Es ist nicht sonderlich warm und bedeckt, so dass der Spaziergang eigentlich recht angenehm und für die meisten wenig schweißtreibend ist. Tabatinga ist allerdings nicht gerade beeindruckend. Nachdem wir die Grenze ohne Passformalitäten überquert haben laufen ein Stück eine endlos scheinende Straße entlang, doch dann entschließen wir uns für den Rückweg (mit einem kurzen Stopp in der Casa do Chocolate, wo man für hiesige Verhältnisse recht günstig Schokolade und Kekse einkaufen kann). 



Wieder in Leticia essen wir im Tierras Amazónicas zu mittag und kehren dann zum Bungalow zurück. Kurz vor 2 müssen wir den Bungalow räumen, warten dann ca. 45 Minuten im Garten bis unser Taxi zum nahen Flughafen kommt. Dort erwartet uns ein ziemliches Chaos, aber es klappt alles relativ zügig und so warten wir auf unseren Flieger, der mit leichter Verspätung ankommt. Der Flug zurück ist ereignislos (außer, dass er eher einem Truppentransport gleicht), irgendwann haben wir im kühlen Bogotá unser Gepäck und nach einer Taxifahrt landen wir in unserer mittlerweile wohlbekannten Casa Platypus. Jetzt noch das Gepäck umpacken, duschen und Blog schreiben - und dann noch für knapp 2 Stunden ins Bett. Um 3:10 wird der Wecker pfeifen, denn um 6:05 geht unser Flug nach Armenia. Eigentlich wären wir da heute schon, aber LAN Colombia hat die Flugzeiten geändert, und so konnten wir unseren Anschlussflug nicht mehr erreichen. Immerhin wissen wir das aber schon seit ein paar Tagen...

Buenas "noches"






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