Reise nach New York und Kolumbien vom 3. August - 6. September 2012

Montag, 13. August 2012

Bogotá revisited (12.8.)

Was für eine Nacht... erst lärmen Hotelgäste, dann tobt draußen das Bogotaner Saturday Night Fever, das so gegen 4 Uhr seinen Höhepunkt mit alkoholvernebeltem Streit und Gebrüll findet (Blutspuren auf dem Gehweg sprechen eine recht deutliche Sprache). Trotz Ohrenstöpseln - wodurch mir mein Tinnitus eigentlich ein Wiegenlied summt - schlafe ich nur abschnittsweise. Als ich dann doch die Tiefschlafphase erreiche, reißt mich der Fernseher in meinem Zimmer um 5:40 aus dem Schlaf - irgendein Rindvieh hat da wohl die Weckfunktion eingestellt. Bis ich das aber realisiert habe, vergeht ein bißchen Zeit. Irgendwann ist es dann Zeit für das Frühstück: guter kolumbianischer Standard mit Obst (Ananas), Cornflakes, Brot, Marmelade, Käse und Rührei, dazu Saft und Kaffee. 

So gestärkt verlassen wir das Hotel in Richtung des nahen Museo del Oro, dem vollkommen zu Recht weltberühmten Goldmuseum. Da heute Sonntag ist, sparen wir uns die lächerlichen 3000 Peso (€ 1,25) Eintritt. Das ist sowieso schon geschenkt. Auf zwei Stockwerken gibt es unzählige Artefakte der präkolumbinischen Kulturen Kolumbiens zu sehen und es ist oft sehr beeindruckend, zu welch künstlerischer Leistung die Völker in der Lage waren. Ohne es zu merken vergehen über drei Stunden beim Bewundern der Exponate, die nicht nur wie der Name des Museums schließen ließe aus Gold, sondern auch aus anderen Edelmetallen und aus Keramik sind.






Das berühmte Floß von El Dorado, das als Opfergabe in einem Bergsee versenkt wurde
Nach dem Museo del Oro streifen wir durch einen nahen Kunsthandwerksmarkt, wo es neben viel Kitsch auch wirklich schöne Dinge zu entdecken gibt. Wir ordern zwei Botero-Drucke auf Leinwand, die es eigentlich nicht im Sortiment gibt, die aber, nachdem wir die Fotos der Werke zeigen, in Auftrag gegeben werden und morgen früh abgeholt werden können. Sind ja schon mal gespannt wie die aussehen. 

Vom Markt laufen wir die Hauptachse Carrera Séptima entlang zur Plaza de Bolívar. Die Gehwege sind bevölkert von einer bunten Schar - Passanten, Straßenhändler, Straßenkünstler, Polizisten... schon beim Zuschauen wird einem sicher so schnell nicht langweilig. Es schlägt einem das pralle Leben entgegen - in allen Facetten und sicher nicht durch die rosarote Brille betrachtet. Not und Elend sind ein ständiger Begleiter, ebenso aber auch Skurriles, wie eine Dame mit Wolfsmütze oder ein Hund im rosa Rüschenkleid. Es gibt fast nichts, was es nicht gibt.

Und der kann auch noch fahren!
Vielleicht ein neuer Modetrend geboren in Bogotá?!
Nette Idee für einen Kaffeestand

An der Carrera Séptima

Der TransMilenio ersetzt in Bogotá die Metro und verkehrt auf eigenen Spuren


Man achte auf den Hund...


Diese Schlitten wurden für Dreharbeiten geparkt

Was in ländlichen Gegenden ein normales Verkehrsmittel ist, dient in Bogotá als Imbiss-Stand - der Willys-Jeep
Auch auf der Plaza sieht es nicht anders aus - heute am Sonntag ist sie gut gefüllt mit Familien, Verkäufern, Tauben und Lamas. Ein absoluter Overkill für die Sinne - und hin und wieder auch für den Verstand!



Von der Plaza bummeln wir die Calle 10 den Hang hinauf. Hier finden sich einige der schönsten Gebäude von La Candelaria, dem kolonialen Herz der Metropole, die mit vollständigem Namen übrigens Santa Fe de Bogotá heißt. Wir machen hier einen Schlenker und dort einen - der Weg ist das Ziel und das klare Licht des sonnigen und angenehm temperierten Nachmittags lässt die bunte Candelaria leuchten, die dunkelgrünen Berge immer zum Greifen nah. Auf unserem Spaziergang gönnen wir uns eine Verschnaufpause in der schönen gelben Kirche, die den Namen des Viertels trägt, der Iglesia La Candelaria.

Hier gibt´s Oblaten mit süßer Füllung und die Möglichkeit zu telefonieren - eine typische kolumbianische Einrichtung


Das Militärmuseum - die meisten Kolumbianer stehen ihren Streitkräften sehr positiv gegenüber. Der Spruch hinter dem Kampfjet lautet: Obwohl ich Sie nicht kenne, bin ich bereit, mein Leben für Sie zu geben!
Auf den Vorsprung des gelben Hauses...

...sitzt wieder einer der "Geister" der Candelaria, die anzeigen, wo ein Bewohner ums Leben kam und noch immer spukt





Nach einem weiteren kurzen Besuch im Museo Botero (siehe 8.8.) stärken wir uns im hübschen Café Color Café an der Plazoleta del Chorro de Quevedo mit gutem Café con leche (Mom), Cappuccino con helado (also ein Eis-Cappuccino, Dad) und Cappuccino regular (meine Wenigkeit) und streunen dann durch die Candelaria zu unserem Stamm-Supermarkt (Éxito), um für die morgige Weiterreise dringend benötigten Proviant (KEKSE, und zwar Ducales Tentación, unsere Lieblingsmarke) und ein neues Duschgel für mich kaufen (denn mein altes habe ich - zeitweise ;-) - nicht mehr gefunden).

Im Museo de Botero

Das war gut!
Unser Café an der Plazoleta





Unser Restaurant von letzter Nacht - gut und sehr unterhaltsam (wenn auch nicht immer ganz freiwillig)
Nach kurzem Stopp in unserer Casa Platypus machen wir uns ohne Wertsachen und nur mit dem ungefähr benötigten Bargeld auf dem Weg zum Abendessen. Die dunklen Straßen werden nun hauptsächlich von den Ausgestoßenen und Verlierern der Gesellschaft bevölkert und so kommen allzu weite Spaziergänge keinesfalls in Frage, denn die meisten der Menschen, denen wir begegnen, haben nichts zu verlieren und sind nicht selten gedopt. Das Restaurant bei uns in der Nähe hat, wie alle anderen in der Umgebung, allerdings leider geschlossen und so gehen wir ein kleines Stückchen weiter und landen dann in einer der so typischen Hähnchenbratereien, wo wir in mäßigem Ambiente ganz okay und verhältnismäßig preiswert und in jedem Fall reichlich essen. Den Salat, der ja wie immer nichts für mich ist, lasse ich in einen Plastikbehälter füllen, mit dem Plan diesen dann neben einen Mülleimer zu stellen - er würde da sicher nicht lange stehen. Kaum haben wir das Restaurant verlassen fragt mich ein wirklich armer Teufel, ob ich was zu essen für ihn hätte und so hilft mein Salat jemandem zumindest kurzfristig. Es sind Momenten wie dieser, in denen einem wieder vor deutlich und brutal vor Augen geführt wird, wie gut es uns geht. Und es sind bittere Momente wie dieser, die ebenfalls den eigenen Horizont verändern.

Ein paar Minuten sind wir wieder in unseren Zimmern und packen für den morgigen Flug an den Amazonas, nach Leticia im äußersten Süden des Landes, jenseits des Äquators. Wir lassen den Großteils unseres Gepäcks wieder hier in Bogotá, weil wir wieder für eine Nacht hier haltmachen müssen, bevor wir dann weiterreisen können. Als dann die Taschen gepackt sind mache ich mich wie immer an den Blog und dann geht es gegen Mitternacht unter die warme Federdecke (absolut KEIN Luxus in Bogotá!). Freu ich mich auf die Wärme des Dschungels! Buenas noches y que descansen!





1 Kommentar:

  1. Das Tempo des Blogs macht es einem nicht leicht zu folgen. Natürlich muss man auch nicht zu allem seinen Senf dazu geben, aber andererseits hat es schon seinen ganz besonderen Reiz, dem Reisenden so unmittelbar zu folgen (wenn auch manchmal mit Schaudern: Blut auf dem Pflaster!). Dabei ergeben sich mehr Fragen als Anlässe zu eigenen Beobachtungen. Zum Beispiel die armen Hunde, die am Abend auf der Straße um etwas Essbares betteln: "Randgruppen", wie es sie auch bei uns gibt, oder Ausdruck einer sozial (immer noch) zerrissenen Gesellschaft, deren (wenig nutzbarer) Reichtum im Museum liegt (Museo del Oro)? Irgendwo im Blog steht etwas von der kolumbianischen Mittelschicht. Gerne (zum Glück) blicken die Bogotaner offenbar in die Kamera - oder lassen sie sich gerne in einem vermeintlich unbemerkten Augenblick ablichten? Jedenfalls steht der Junge mit dem Strohhut gleichrangig neben dem bereits bewunderten Paar.

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