In aller Herrgottsfrüh klingelt
der Wecker – es ist noch nicht mal sechs. Aber es hilft nichts, wenn wir den
Flieger nach Cartagena erwischen wollen, dann muss es eben sein. Immerhin
können wir nach einer weiteren furchtbar lauten Nacht noch in unserem Businesshotel
frühstücken bevor wir im Taxi zum 50 Minuten entfernten internationalen Flughafen
von Medellín nach Rionegro. Die 40 Kilometer lange Fahrt ist schön, führt
hinaus aus dem Talkessel, in dem sich die Großstadt ausbreitet. Am höher
gelegenen Flughafen ist es allerdings deutlich kühler als im sonnig-warmen
Medellín, so dass mir in Shorts und T-Shirt deutlich zu kühl ist. Der Check-In ist
mal wieder schnell erledigt und dann gibt´s einen Stop zum zweiten Frühstück
bei Dunkin´ Donuts (Gott sei Dank gibt´s die bei uns noch nicht!). Auf dem
kurzen Flug haben wir immer wieder Blicke auf die wechselnden Landschaften, mal
Hügel, mal große Sumpfgebiete.

Deutlich schneller als erwartet stehen wir
schließlich nach kurzer Taxifahrt vor unserem Hotel mitten im historischen
Stadtkern, der Casa de la India Catalina. Die Lage ist schon mal perfekt und
als sich das Portal öffnet finden wir uns in einem schönen und schattigen Patio
mit kleinem Pool. Leider können wir das Zimmer erst in knapp 5 Stunden
beziehen, also gehen wir gleich auf Entdeckungsreise. Cartagena empfängt uns
mit tropisch-schwüler Hitze, so dass sich nach wenigen Schritten alle (Schweiß)Poren
öffnen. Davon lassen wir uns aber nicht allzu sehr stören, denn Cartagena ist
einfach zu schön, um sich von ein „bißchen“ Hitze abschrecken zu lassen. Die
befestigte Altstadt Cartagenas hat unglaublich viel Atmosphäre, man fühlt sich
immer wieder in längst vergangene Zeiten zurückversetzt. Manche Ecke verströmt morbiden
Charme, Zerfall und Restauration liegen oft eng beisammen. Das karibisch-tropische
Flair wird durch die Farben der Häuser, die vielen Blumen und die Menschen
maßgeblich geprägt.





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| Der Turm der Kathedrale |
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| ... und das kühle Innere - da Messe eben zuende ausnahmsweise mal kostenlos! |
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| Kolumbusdenkmal auf der Plaza de la Aduana |
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| Manchmal hat es glatt den Anschein, es gäbe mehr Verkäufer als potentielle Käufer |




Wir besichtigen neben der mal
kostenlos zu betretenden Kathedrale (Gottesdienst ist gerade aus, sonst kostet
es stolze € 10 pro Person!) mit ihrem wegen der Bemalung an Art-Deco
erinnernden Turm auch das Museum des hl. San Pedro Claver – dem ersten heiligen
aus der neuen Welt. Pedro Claver war ein Jesuit aus Katalonien, der als junger
Mann Ende des 16. Jh nach Cartagena kam, einer der wichtigsten Städte des
spanischen Kolonialreiches. Er sah dort, wie die schwarzen Sklaven nach der
Überfahrt geschwächt ankamen und war entsetzt über den Umgang mit der Ware
Mensch. So setzte er sich für die Sklaven ein und kümmerte sich um Ernährung
und medizinische Versorgung und wurde zum Retter der Sklaven. Nebenbei soll er
300000 Seelen für die Kirche gewonnen haben – wohl eher dafür gab es dann 1888 auch
die Heiligsprechung durch Papst Leo XIII. Heute kann man den von ihm
gegründeten Konvent samt dazugehöriger Kirche besichtigen. Im Patio wuchert ein
kleiner Dschungel, die Zellen rund um den Patio beherbergen alle möglichen
Kunstgegenstände und zeigen auch Pedro Clavers Räume. Besonders angenehm aber
sind die Ventilatoren in der Kirche - mal für einen kurzen Moment nicht
schwitzen!





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| Fotografie im Museum - Cartagena wie es früher einmal war. |
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| Wohl etwas verklärtes Bild vom Wirken des hl. Pedro Claver |
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Glasfenster in der von einer schönen Kuppel gekrönten Kirche
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Das ändert sich vor dem Museum
umgehend wieder und so trotten wir nur kurz durch die Gassen, bevor wir gleich weiter ins klimatisierte Goldmuseum gehen,
aus dem wir wegen Siesta aber bald wieder vertrieben werden... brutale Welt!
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| Unverkennbar Botero auf der Plaza Santo Domingo |
Weil uns gar so warm ist gehen
wir schon vor der Zeit zum Hotel – vielleicht können wir ja früher ins Zimmer?
Diese Hoffnung soll sich nicht erfüllen, eher im Gegenteil. Wir sitzen
sozusagen im eigenen Saft schmorend auf einer Sitzgruppe im Patio und warten
und warten – bis ungefähr 15:30, aber dann dürfen wir in unser Zimmer. Wobei
Zimmer nicht ganz richtig ist, denn es handelt sich eher um eine geräumige
Ferienwohnung mit Küche, Wohnzimmer (das zu meinem Schlafzimmer wird) und
Empore mit Doppelbett und großem LED-Fernseher. Und als kleines Extra ein
schmaler Balkon mit Blick auf Kathedrale und Altstadt. Da hat sich das Warten
eindeutig gelohnt!
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| Geduldsübung bei 35 Grad |
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| Der Patio des schönen kolonialen Gebäudes |
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| Endlich in unserer Wohnung - mein Bett... |
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| ...und das Elternschlafzimmer auf der Empore |
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| Jetzt können wir wieder lachen! |
Kurz vor Sonnenuntergang trauen
wir uns wieder vor die Tür und streifen ziellos durch die Stadt – wobei hier
eigentlich immer der Weg das Ziel ist. Schließlich landen wir rechtzeitig zum
Sonnenuntergang auf der Stadtmauer und schauen der Sonne beim Untergehen zu.
Viel kühler wird aber auch jetzt nicht- zur Freude der einen und zum Leidwesen
des anderen ;-). Wir schlendern weiter und dann kehren wir in einem Restaurant
ganz in der Nähe des Hotels ein, das nicht die für Cartagena üblichen heftigen
Preise verlangt, Ich esse okay schmeckenden, aber von der Konsistenz her sehr
glibberigen Fisch, mein Vater bleibt bei „pollo“ und meine Mom, die magenmäßig
heute nicht ganz fit ist, ein Stückchen Pizza, dazu dann Salate mit allem Drum
und Dran (sogar Balsamico). Dann geht´s zum Erholen ins
klimatisierte Appartement – während ich noch schnell Füllung für unsere Minibar
in einem Supermarkt in der Nähe kaufe.
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| Die Puerta del Reloj ist der Haupteingang in die Altstadt |
Am nächsten Morgen genießen wir
ein leckeres Frühstück samt cartagena-typischen Yuccataschen mit
Fleischfüllung. Nebenbei komme ich noch ins Gespräch mit einem Pärchen aus
Neuseeland, doch irgendwann wird´s Zeit für den Frühsport: Spaziergang durch
das historische und bunte Kleineleuteviertel Getsemaní bei schon gut über 30
Grad.
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| Bücher-Secondhandshop in der Puerta del Reloj |
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| Blick auf die Türme und die Kuppel von San Pedro Claver |
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Skulptur auf der Plaza del Pozo in Getsemaní
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| Auf der Plaza de la Trinidad |
Von Getsemaní führt eine viel
befahrene Brücke über einen Seitenarm der Bahía de las Ánimas zu unserem
nächsten Ziel, der wuchtigen Befestigungsanlage San Felipe de Barajas – ein 40
Meter hohes Bollwerk, das zur Verteidigung der Stadt vor den häufigen
Piratenangriffen im 17. und 18. Jh schützen sollte. Unser in der Hitze mühsamer
Aufstieg wird mit Brisen und Ausblicken auf die Stadt belohnt.
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| Ausblick vom Castillo auf die Altstadt |
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| Das Castillo wurde wie die Stadtmauer und etliche alte Gebäude aus Korallenstein gebaut |
Im Taxi geht es in wenigen
Minuten zu den „Bóvedas“, Kammern, in denen früher Munition und Vorräte
gelagert wurden. Heute ist jede einzelne der 23 Kammern ein Souvenir- und
Kunsthandwerksladen. Schöne, etwas individuelle Stücke werden auch zu durchaus
gehobenen europäischen Preisen verkauft. Und weil es auch noch tierisch warm
ist (inhaltliche Wiederholung bitte entschuldigen, ist als Stilmittel durchaus
gewollt) kommen wir nicht wirklich in Shoppinglaune und gehen stattdessen
lieber zur nahen Plaza de San Diego, wo wir einen leckeren Ananassaft und ein
nicht ganz so leckeres (aber sauteures) Kokostörtchen unter einem schattigen
Sonnenschirm genießen.
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| In den Bóvedas |
Mit Zwischenstop im
Éxito-Supermarkt (wir brauchen für die morgige Fahrt nach Mompós noch Proviant
und kalte Getränke schaden auch nicht) erreichen wir dann das Hotel und machen
Siesta. Endlich komme ich dazu, den Pool zu testen. Wirklich schön erfrischend!
Rechtzeitig vor dem
Sonnenuntergang marschieren wir dann zur Stadtmauer, genauer gesagt zum Café
del Mar – denn es ist Sundowner-Zeit. Die Cocktails (wobei nur meiner höherprozentig
ist) schmecken zwar nicht wirklich spitzenklasse und kosten auch bei uns nicht
mehr, aber sei´s drum, der Blick von der Stadtmauer auf Meer und Stadt ist dieses
Opfer einfach wert.
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| Liegt nicht am Alkohol - Cartagena berauscht auch ohne Hochprozentiges! |
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| Mond über Cartagena |
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| Lichtorgel auf Rädern - ein typischer Anblick nachts in Kolumbien |

Irgendwann erheben wir uns von
unseren Barhockern und ziehen weiter durch die Stadt, schauen in den ein oder
anderen Laden. Mehrfach hat mich César, ein Kunsthandwerker, den ich letztes
Jahr hier kennengelernt habe, versucht anzurufen, aber ich höre es nie.
Zurückrufen kann ich nicht, weil César wie viele hier „minutos“ nutzt, also
einen der vielen Menschen, der Handyanrufe pro Minute anbietet – eine kolumbianische
Spezialität! Beim Versuch Geld abzuheben spinnt der Automat, es rattert und
rattert, aber die Geldkassette bleibt zu. Am Ende bedankt sich der Automat für
die Benutzung und unser Vertrauen in Bancolombia und erklärt die Transaktion
für beendet. Geld und Quittung bleibt er uns schuldig. Das kann doch wohl nicht
wahr sein. Mit Hilfe eines anderen Kunden rufe ich die Störungsstelle. Währenddessen
holt ein Kunde nach uns Geld und bekommt seines – und zwar genau den auf der
Quittung ausgewiesenen Betrag. Immerhin ist es also keine Manipulation am
Automaten. Die Störungsstelle versichert uns, dass bestimmt nichts abgebucht
wurde und wenn die Hausbank alles in Ordnung bringen würde. Da bin ich mal
gespannt!




Auf den Schreck brauchen wir
jetzt erst mal ein Bier und was zu essen. Aber was ist das? Fast vor dem
Restaurant sehe ich César mit einigen seiner Werke an der Straße stehen. Ich
rufe und damit beginnt ein wunderbarer Abend. Wir kaufen ihm zwei seiner tollen
Fische ab, laden ihn zum Essen ein und reden viel. Nach dem Essen zeigt uns
César noch zwei seiner Werke in anderen Restaurants und erzählt, wie schwierig
es ist, seine Kunst zu einem akzeptablen Preis zu verkaufen. Wir bringen meine
Eltern zum Hotel und dann ziehen wir weiter, trinken ein Bierchen und spazieren
dabei durch das nächtliche Cartagena hinüber nach Getsemaní. Wir treffen auch
den Argentinier wieder, bei dem ich letztes Jahr schon mit César versumpft bin.
Diesmal gehen wir aber bald weiter und setzen uns auf die Plaza de la Trinidad
und reden und trinken Bier. Es ist sehr schade, dass César, ein wirklich alles
andere als dummer oder seichter Mensch so unter die Räder gekommen ist, und sicher
auch das Seine dazu beigetragen hat. Ich wünsche ihm alles Glück der Welt, als
ich mich schließlich mit einer Umarmung von ihm verabschiede. Er wollte mir die
Fische, die sowieso schon ziemlich günstig waren, dann noch schenken, aber das
lehne ich entschieden ab. Der Verkauf seiner Fische ist das einzige, was ihn
vor einem Leben auf der Straße bewahrt.
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| Mit César und seinen Schöpfungen beim Essen |
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| Auch ein echter César San Juan - Stier in einem anderen Restaurant |
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| Und noch ein César San Juan |
Zurück im Hotel denke ich noch
länger über unser Gespräch und mein persönliches Glück als Hauptgewinner in der
Lebenslotterie nach, bevor ich schließlich leicht beschwipst einschlafe.
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