Reise nach New York und Kolumbien vom 3. August - 6. September 2012

Sonntag, 2. September 2012

Cartagena - Die Perle der Karibik (28. + 29.8.)

In aller Herrgottsfrüh klingelt der Wecker – es ist noch nicht mal sechs. Aber es hilft nichts, wenn wir den Flieger nach Cartagena erwischen wollen, dann muss es eben sein. Immerhin können wir nach einer weiteren furchtbar lauten Nacht noch in unserem Businesshotel frühstücken bevor wir im Taxi zum 50 Minuten entfernten internationalen Flughafen von Medellín nach Rionegro. Die 40 Kilometer lange Fahrt ist schön, führt hinaus aus dem Talkessel, in dem sich die Großstadt ausbreitet. Am höher gelegenen Flughafen ist es allerdings deutlich kühler als im sonnig-warmen Medellín, so dass mir in Shorts und T-Shirt deutlich zu kühl ist. Der Check-In ist mal wieder schnell erledigt und dann gibt´s einen Stop zum zweiten Frühstück bei Dunkin´ Donuts (Gott sei Dank gibt´s die bei uns noch nicht!). Auf dem kurzen Flug haben wir immer wieder Blicke auf die wechselnden Landschaften, mal Hügel, mal große Sumpfgebiete. 
 
Deutlich schneller als erwartet stehen wir schließlich nach kurzer Taxifahrt vor unserem Hotel mitten im historischen Stadtkern, der Casa de la India Catalina. Die Lage ist schon mal perfekt und als sich das Portal öffnet finden wir uns in einem schönen und schattigen Patio mit kleinem Pool. Leider können wir das Zimmer erst in knapp 5 Stunden beziehen, also gehen wir gleich auf Entdeckungsreise. Cartagena empfängt uns mit tropisch-schwüler Hitze, so dass sich nach wenigen Schritten alle (Schweiß)Poren öffnen. Davon lassen wir uns aber nicht allzu sehr stören, denn Cartagena ist einfach zu schön, um sich von ein „bißchen“ Hitze abschrecken zu lassen. Die befestigte Altstadt Cartagenas hat unglaublich viel Atmosphäre, man fühlt sich immer wieder in längst vergangene Zeiten zurückversetzt. Manche Ecke verströmt morbiden Charme, Zerfall und Restauration liegen oft eng beisammen. Das karibisch-tropische Flair wird durch die Farben der Häuser, die vielen Blumen und die Menschen maßgeblich geprägt. 





Der Turm der Kathedrale
... und das kühle Innere - da Messe eben zuende ausnahmsweise mal kostenlos!




Kolumbusdenkmal auf der Plaza de la Aduana
Manchmal hat es glatt den Anschein, es gäbe mehr Verkäufer als potentielle Käufer



 
Wir besichtigen neben der mal kostenlos zu betretenden Kathedrale (Gottesdienst ist gerade aus, sonst kostet es stolze € 10 pro Person!) mit ihrem wegen der Bemalung an Art-Deco erinnernden Turm auch das Museum des hl. San Pedro Claver – dem ersten heiligen aus der neuen Welt. Pedro Claver war ein Jesuit aus Katalonien, der als junger Mann Ende des 16. Jh nach Cartagena kam, einer der wichtigsten Städte des spanischen Kolonialreiches. Er sah dort, wie die schwarzen Sklaven nach der Überfahrt geschwächt ankamen und war entsetzt über den Umgang mit der Ware Mensch. So setzte er sich für die Sklaven ein und kümmerte sich um Ernährung und medizinische Versorgung und wurde zum Retter der Sklaven. Nebenbei soll er 300000 Seelen für die Kirche gewonnen haben – wohl eher dafür gab es dann 1888 auch die Heiligsprechung durch Papst Leo XIII. Heute kann man den von ihm gegründeten Konvent samt dazugehöriger Kirche besichtigen. Im Patio wuchert ein kleiner Dschungel, die Zellen rund um den Patio beherbergen alle möglichen Kunstgegenstände und zeigen auch Pedro Clavers Räume. Besonders angenehm aber sind die Ventilatoren in der Kirche - mal für einen kurzen Moment nicht schwitzen! 






Fotografie im Museum - Cartagena wie es früher einmal war.

Wohl etwas verklärtes Bild vom Wirken des hl. Pedro Claver
Glasfenster in der von einer schönen Kuppel gekrönten Kirche


 
Das ändert sich vor dem Museum umgehend wieder und so trotten wir nur kurz durch die Gassen, bevor wir gleich weiter ins klimatisierte Goldmuseum gehen, aus dem wir wegen Siesta aber bald wieder vertrieben werden... brutale Welt!


Unverkennbar Botero auf der Plaza Santo Domingo







Weil uns gar so warm ist gehen wir schon vor der Zeit zum Hotel – vielleicht können wir ja früher ins Zimmer? Diese Hoffnung soll sich nicht erfüllen, eher im Gegenteil. Wir sitzen sozusagen im eigenen Saft schmorend auf einer Sitzgruppe im Patio und warten und warten – bis ungefähr 15:30, aber dann dürfen wir in unser Zimmer. Wobei Zimmer nicht ganz richtig ist, denn es handelt sich eher um eine geräumige Ferienwohnung mit Küche, Wohnzimmer (das zu meinem Schlafzimmer wird) und Empore mit Doppelbett und großem LED-Fernseher. Und als kleines Extra ein schmaler Balkon mit Blick auf Kathedrale und Altstadt. Da hat sich das Warten eindeutig gelohnt!

Geduldsübung bei 35 Grad

Der Patio des schönen kolonialen Gebäudes
Endlich in unserer Wohnung - mein Bett...

...und das Elternschlafzimmer auf der Empore

Jetzt können wir wieder lachen!
Kurz vor Sonnenuntergang trauen wir uns wieder vor die Tür und streifen ziellos durch die Stadt – wobei hier eigentlich immer der Weg das Ziel ist. Schließlich landen wir rechtzeitig zum Sonnenuntergang auf der Stadtmauer und schauen der Sonne beim Untergehen zu. Viel kühler wird aber auch jetzt nicht- zur Freude der einen und zum Leidwesen des anderen ;-). Wir schlendern weiter und dann kehren wir in einem Restaurant ganz in der Nähe des Hotels ein, das nicht die für Cartagena üblichen heftigen Preise verlangt, Ich esse okay schmeckenden, aber von der Konsistenz her sehr glibberigen Fisch, mein Vater bleibt bei „pollo“ und meine Mom, die magenmäßig heute nicht ganz fit ist, ein Stückchen Pizza, dazu dann Salate mit allem Drum und Dran (sogar Balsamico). Dann  geht´s zum Erholen ins klimatisierte Appartement – während ich noch schnell Füllung für unsere Minibar in einem Supermarkt in der Nähe kaufe.





Die Puerta del Reloj ist der Haupteingang in die Altstadt






Am nächsten Morgen genießen wir ein leckeres Frühstück samt cartagena-typischen Yuccataschen mit Fleischfüllung. Nebenbei komme ich noch ins Gespräch mit einem Pärchen aus Neuseeland, doch irgendwann wird´s Zeit für den Frühsport: Spaziergang durch das historische und bunte Kleineleuteviertel Getsemaní bei schon gut über 30 Grad. 

Bücher-Secondhandshop in der Puerta del Reloj
Blick auf die Türme und die Kuppel von San Pedro Claver
Skulptur auf der Plaza del Pozo in Getsemaní

Auf der Plaza de la Trinidad



Von Getsemaní führt eine viel befahrene Brücke über einen Seitenarm der Bahía de las Ánimas zu unserem nächsten Ziel, der wuchtigen Befestigungsanlage San Felipe de Barajas – ein 40 Meter hohes Bollwerk, das zur Verteidigung der Stadt vor den häufigen Piratenangriffen im 17. und 18. Jh schützen sollte. Unser in der Hitze mühsamer Aufstieg wird mit Brisen und Ausblicken auf die Stadt belohnt. 





Ausblick vom Castillo auf die Altstadt




Das Castillo wurde wie die Stadtmauer und etliche alte Gebäude aus Korallenstein gebaut
 Im Taxi geht es in wenigen Minuten zu den „Bóvedas“, Kammern, in denen früher Munition und Vorräte gelagert wurden. Heute ist jede einzelne der 23 Kammern ein Souvenir- und Kunsthandwerksladen. Schöne, etwas individuelle Stücke werden auch zu durchaus gehobenen europäischen Preisen verkauft. Und weil es auch noch tierisch warm ist (inhaltliche Wiederholung bitte entschuldigen, ist als Stilmittel durchaus gewollt) kommen wir nicht wirklich in Shoppinglaune und gehen stattdessen lieber zur nahen Plaza de San Diego, wo wir einen leckeren Ananassaft und ein nicht ganz so leckeres (aber sauteures) Kokostörtchen unter einem schattigen Sonnenschirm genießen. 
In den Bóvedas







Mit Zwischenstop im Éxito-Supermarkt (wir brauchen für die morgige Fahrt nach Mompós noch Proviant und kalte Getränke schaden auch nicht) erreichen wir dann das Hotel und machen Siesta. Endlich komme ich dazu, den Pool zu testen. Wirklich schön erfrischend!


Rechtzeitig vor dem Sonnenuntergang marschieren wir dann zur Stadtmauer, genauer gesagt zum Café del Mar – denn es ist Sundowner-Zeit. Die Cocktails (wobei nur meiner höherprozentig ist) schmecken zwar nicht wirklich spitzenklasse und kosten auch bei uns nicht mehr, aber sei´s drum, der Blick von der Stadtmauer auf Meer und Stadt ist dieses Opfer einfach wert.



Liegt nicht am Alkohol - Cartagena berauscht auch ohne Hochprozentiges!

Mond über Cartagena
Lichtorgel auf Rädern - ein typischer Anblick nachts in Kolumbien
 
Irgendwann erheben wir uns von unseren Barhockern und ziehen weiter durch die Stadt, schauen in den ein oder anderen Laden. Mehrfach hat mich César, ein Kunsthandwerker, den ich letztes Jahr hier kennengelernt habe, versucht anzurufen, aber ich höre es nie. Zurückrufen kann ich nicht, weil César wie viele hier „minutos“ nutzt, also einen der vielen Menschen, der Handyanrufe pro Minute anbietet – eine kolumbianische Spezialität! Beim Versuch Geld abzuheben spinnt der Automat, es rattert und rattert, aber die Geldkassette bleibt zu. Am Ende bedankt sich der Automat für die Benutzung und unser Vertrauen in Bancolombia und erklärt die Transaktion für beendet. Geld und Quittung bleibt er uns schuldig. Das kann doch wohl nicht wahr sein. Mit Hilfe eines anderen Kunden rufe ich die Störungsstelle. Währenddessen holt ein Kunde nach uns Geld und bekommt seines – und zwar genau den auf der Quittung ausgewiesenen Betrag. Immerhin ist es also keine Manipulation am Automaten. Die Störungsstelle versichert uns, dass bestimmt nichts abgebucht wurde und wenn die Hausbank alles in Ordnung bringen würde. Da bin ich mal gespannt! 





Auf den Schreck brauchen wir jetzt erst mal ein Bier und was zu essen. Aber was ist das? Fast vor dem Restaurant sehe ich César mit einigen seiner Werke an der Straße stehen. Ich rufe und damit beginnt ein wunderbarer Abend. Wir kaufen ihm zwei seiner tollen Fische ab, laden ihn zum Essen ein und reden viel. Nach dem Essen zeigt uns César noch zwei seiner Werke in anderen Restaurants und erzählt, wie schwierig es ist, seine Kunst zu einem akzeptablen Preis zu verkaufen. Wir bringen meine Eltern zum Hotel und dann ziehen wir weiter, trinken ein Bierchen und spazieren dabei durch das nächtliche Cartagena hinüber nach Getsemaní. Wir treffen auch den Argentinier wieder, bei dem ich letztes Jahr schon mit César versumpft bin. Diesmal gehen wir aber bald weiter und setzen uns auf die Plaza de la Trinidad und reden und trinken Bier. Es ist sehr schade, dass César, ein wirklich alles andere als dummer oder seichter Mensch so unter die Räder gekommen ist, und sicher auch das Seine dazu beigetragen hat. Ich wünsche ihm alles Glück der Welt, als ich mich schließlich mit einer Umarmung von ihm verabschiede. Er wollte mir die Fische, die sowieso schon ziemlich günstig waren, dann noch schenken, aber das lehne ich entschieden ab. Der Verkauf seiner Fische ist das einzige, was ihn vor einem Leben auf der Straße bewahrt. 

Mit César und seinen Schöpfungen beim Essen
Auch ein echter César San Juan - Stier in einem anderen Restaurant
Und noch ein César San Juan
Zurück im Hotel denke ich noch länger über unser Gespräch und mein persönliches Glück als Hauptgewinner in der Lebenslotterie nach, bevor ich schließlich leicht beschwipst einschlafe.

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