Reise nach New York und Kolumbien vom 3. August - 6. September 2012

Montag, 3. September 2012

Mompós - das real existierende Macondo (30.8. - 1.9.)


Der Morgen beginnt früh, aber immerhin nicht so früh wie eigentlich befürchtet, denn die Fahrt nach Mompox beginnt erst um 8:30 – Zeit genug für ein weiteres gutes Frühstück in der Casa de la India Catalina bevor ziemlich pünktlich Toto mit seinem Chevy Pickup vor dem Hotel auftaucht und die Straße für das Einladen des Gepäcks blockiert. Der Beifahrersitz ist leider schon von einer Passagierin belegt und so „dürfen“ wir uns zu dritt auf die Rückbank quetschen. Sind ja nur 7 Stunden (pi mal Daumen). So schlimm wie befürchtet ist es dann aber nicht und nach einiger Zeit machen wir einen kurzen Klo- und Verpflegungsstop. Die Empanada schmeckt nicht sonderlich, aber dafür gibt es einen Papagei, mit dem man sich die Zeit vertreiben kann.



 Bald darauf erreichen wir den Fähr“hafen“ von Magangué, wo um 14:00 eine Flußfähre den Río Magdalena entlang nach Talailigua Nuevo ablegen soll. Die Hitze ist schwer erträglich und so flüchten wir bald in eines der luftigen, sehr rustikalen „Restaurants“, wo andere schon die Hängematten belegt halten oder frischen Fisch genießen. Bei uns bleibt´s bei frischem Orangensaft. Auch dann noch als es 14:00 ist und von einer Fähre weit und breit nichts zu sehen ist. Es ist kurz vor drei als die Fähre schließlich doch noch den sicheren Hafen erreicht. Das Ent- und Beladen ist eine echte Schau. Kaum zu glauben, was alles auf so eine recht klein wirkende Fähre passt. Einer der Einweiser, ein älterer Mann mit nacktem Oberkörper, heiserer Frank-Zander-Stimme und Zahnlücken, die sich ergonomisch dem Hals einer Bierflasche anpassen (was sehr sinnvoll ist, denn während des Einweisens leert er davon etliche!), wirkt komplett durchgeknallt (und das ist wohl nicht nur Schein). Die Frequent Swimmer nennen ihn „loco hijueputa del ferry“ – verrückter H…sohn von der Fähre. Vor allem die Frauen sind von seinen Avancen sichtlich genervt.








Ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist bei diesen Temperaturen unerlässlich!

 Irgendwann schrillt die Glocke und wir legen ab und fahren den Río Magdalena entlang. Das Wasser auf Kolumbiens wichtigstem Fluss fließt scheinbar träge, aber die schnell vorbeischwimmenden Inseln aus Wasserhyazinthen zeigen, dass der Schein trügt.


Am Ziel“hafen“  - eine staubige und steile Böschung herrscht hektische und vollkommen chaotisch wirkende Betriebsamkeit, aber irgendein System scheint es zu geben und so sitzen wir bald wieder im Pick-Up und lassen uns auf 40 Kilometer mieser Straße bis Mompós durchschütteln. Entgegenkommenden Verkehr sieht man aufgrund des aufgewirbelten Staubs meist erst sehr spät, aber wir erreichen sicher das kleine Städtchen Mompós (oder auch Mompox oder ganz offiziell Santa Cruz de Mompox), in dem heute ziemlicher Trubel herrscht – der alljährliche Umzug der Schule. Letztes Jahr habe ich ihn gesehen. Wenn die Fähre nur pünktlich gewesen wäre…! Naja, nicht zu ändern. Unser Hotel, das Bioma Boutique Hotel, macht seinem Namen alle Ehre, wie wir sofort nach Betreten feststellen dürfen. So schön und geschmackvoll war wirklich sonst keines unserer wirklich schönen Hotels! Die Begrüßung durch Rosalba und Gerardo und ihren Mitarbeiter Wilmar ist überaus freundlich, ja eigentlich eher herzlich. Und es gibt dazu leckeren Corozosaft (aus den Früchten einer Palmenart – unglaublich gut!).

Eingang zum Bioma Boutique Hotel

Auf dem Foto kommt leider nicht richtig "rüber", wie schön das Hotelzimmer war...

Wir bestaunen erst einmal das wirklich tolle alte Gebäude – und der Clou ist der Jacuzzi auf der Dachterrasse mit Blick auf Mompós. Wir kommen gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang (aufgrund der Wolken zwar eher ein schönes Abendrot, aber wir wollen nicht meckern!). Nebenbei unterhalte ich mich mit der Chefin Rosalba. Schließlich machen wir uns in unserem großen und edel-karg eingerichteten Zimmer mit tollem und ebenfalls großem Bad fertig für´s Abendessen. Dafür gehen wir ein paar Häuser weiter. Das Haus ist schön, aber das Essen könnte besser sein. Egal, tut trotzdem gut. Und anschließend machen wir einen kurzen Verdauungsspaziergang durch Mompós. Den Abend beschließen wir wie es sich gehört -  im Jacuzzi. Das Wasser könnte für meine Mutter und mich ruhig ein bißchen wärmer sein, aber mein Vater ist mit der Wassertemperatur sehr einverstanden. Der Rest des Abends verläuft ganz ruhig auf dem Zimmer.




 Am nächsten Morgen erwartet uns ein sehr leckeres Frühstück im Patio mit Blick auf Haus, Pool und jede Menge Blumen. Rosalba erzählt uns ein wenig über ihre Hotelphilosophie und den christlichen Geist, der dazu führt, die lokale Bevölkerung zu unterstützen. Sowohl Gerardo als auch Rosalba sind sehr herzlich und so fühlt man sich mal wieder als Teil der Familie. Mom bekommt noch Samen einer Pflanze namens Abanico geschenkt und dann gehen wir raus in die Wärme. 





Blick von der Dachterrasse


Mompós hat eigentlich herzlich wenig Sehenswürdigkeiten im Sinne von „muss man gesehen habe“. Das ruhige Städtchen in den Sümpfen Nordkolumbiens lebt vor allem von seiner dichten Atmosphäre: die Menschen sitzen in den typischen momposiner Schaukelstühlen vor der Haustür oder im kühleren Innenraum ihrer Häuser, alles läuft ganz gemächlich (kein Wunder bei den Temperaturen) und mit ländlicher Freundlichkeit und Neugier auf alles und jeden Fremden. Esel ziehen Lastkarren durch die Straßen, Menschen plaudern, hin und wieder knattert ein Motorroller oder Mototaxi vorbei. Bloß keinen Stress scheint das hiesige Lebensmotto zu lauten. Das Leben plätschert träge dahin, fast als würde es sich dem träge wirkenden Brazo de Mompós (einem Seitenarm des Río Magdalena)  anpassen. Und wir passen uns ebenso an. Ich treffe Carmen, die „Managerin“ meines letztjährigen Hotels wieder und sie erkennt mich gleich. Wir begrüßen uns herzlich, plauschen und dabei mache ich auch gleich unseren nachmittäglichen Ausflug in die Sümpfe klar. Wer García Márquez´s Werke kennt, der erkennt in Mompós viel vom mythischen Macondo wieder. Und das nicht nur, weil es auf dem Friedhof vor Buendías gerade so wimmelt. So verwundert es kaum, dass für etliche Verfilmungen von „Gabbo“s Werken in Mompós gedreht wurde. Wir schlendern langsam durch den Ort und bleiben immer wieder stehen, um die einmalige Stimmung fotografisch einzufangen. Ob es uns gelungen ist? Ich hoffe es.








Typisch momposiner Schaukelstühle
Fischer auf dem Brazo de Mompós - ganze Fischschwärme springen aus den Fluten...

Der Platz vor dem alten Zollgebäude wurde erst neu gepflastert und restauriert...
...jetzt fehlt nur noch das alte Zollgebäude selbst!















Heiß, heißer, Mompós...
Eine der größten Sehenswürdigkeiten ist der Friedhof – und das sagt einiges über den eh schon sehr morbiden Charme des Städtchens aus. Aber es gibt Zeichen der Veränderung, auch im zeitlos und veränderungsresistent wirkenden Santa Cruz de Mompox – ein großer Platz wurde gepflastert, es gibt Abfalleimer und deutlich weniger Müll auf der Straße. Solche Veränderungen lasse ich mir gerade noch eingehen.




Grabtafeln können ganz unterschiedlich aussehen: aus Styropor, in den Zement geritzt oder richtig kunstvoll
Nach dem Erkundungsbummel gehen wir ins Hotel und genießen den Pool, der nur uns zu gehören scheint und der deutlich wärmer als der Jacuzzi ist. Das Bad tut gut und stärkt uns für den anstehenden Bootstrip mit Capitán Freddy, mit dem ich bereits letztes Jahr in den Sümpfen war. Wir laufen zur Casa Amarilla, meinem Hotel vom letzten Jahr und warten auf Freddy. Nebenbei unterhalte ich mich mit Carmen. Irgendwann werden wir abgeholt und steigen die Böschung hinab ins Boot. Dort ist schon eine Deutsche, die in Cali lebt, mit ihrem Sohn und ein Deutscher, der seit 2 Jahren die Panamericana von Alaska in Richtung Feuerland radelt. Es kommen noch 2 Gäste und dann legen wir ab. Auf der knapp 100-minütigen Fahrt sehen wir jede Menge Echsen, Adler, Reiher, Kormorane und auch den ein oder anderen Brüllaffen. Wir schippern durch das Labyrinth aus Wasserhyazinthen und lassen uns die angenehme Brise um die Nase wehen. Die anderen Passagiere springen auch einmal in eine garantiert Anakonda-freie Lagune. Ich hatte das Vergnügen schon letztes Jahr und passe diesmal – ebenso meine Eltern. Schließlich haben wir Pool und Jacuzzi im Hotel! Die Fahrt ist sehr schön und zeigt wieder eine gänzlich andere Facette Kolumbiens. Was für ein schöner Abschluss!

Schaukelstühle in der Casa Amarilla

Leben auf und am Fluss

Adler







Brüllaffe
Unser Boot

Freddy, unser capitán




Kurz vor Sonnenuntergang sind wir wieder an Land und spazieren zurück zum Hotel. Wir holen noch eben Geld aus der Maschine und dann wird geplanscht. Wie bestellt um halb acht dürfen wir um Essen kommen. Mom und ich freuen uns auf Fisch (Pacora al ajillo) und mein Dad auf sein Steak, begleitet von Corozosaft. Und wir freuen uns nicht ohne Grund. Das Essen ist ganz vorzüglich, sicher mit das beste was wir in Kolumbien gegessen haben. Und die Atmosphäre als einzige im schön beleuchteten Patio steht dem Essen in nichts nach. So lässt sich´s leben. Als Nachtisch gibt’s „Postre Sorpresa del día“ – was in unserem Fall lauter typische momposiner Köstlichkeiten sind: Dulce de Limón (karamellisierte Limette), Dulce de Guayaba (karamellisierte Guave) und Kokoswürfel – alles sehr schön angerichtet. Wir sind richtig begeistert. Am liebsten würden wir unseren Kolumbienurlaub hier beschließen, aber das nächste Hotel ist leider schon bezahlt. Naja, man soll ja aufhören wenn es am Schönsten ist… 


Unser Lieblingssaft: Corozo!




Der Abend blubbert noch ein wenig im Jacuzzi aus, dann wird gepackt und kurz Bettruhe gehalten – schließlich ist unser Transfer für 4:15 (morgens!) angekündigt… Daher psst –und buenas noches!



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